Liebe Leserin, lieber Leser,

von meinem Vater hörte ich wohl zum ersten Mal das geflügelte Wort: „Über Geld spricht man nicht, Geld hat man.“ Natürlich sagte er das, wie so vieles, mit einem Augenzwinkern. Und ich musste schmunzeln. Beim Monatsspruch Oktober, wie wir ihn auf der Titelseite sehen, handelt es sich auch um das Wort eines Vaters an den Sohn. Allerdings denkt der Vater an sein Sterben und meint diesen Ratschlag sehr ernst. Und er rahmt den Satz in eine Verheißung ein. „Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden.“ Und anschließend: „Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die im gefällt.“ Barmherzigkeit ist das Schlüsselwort. Anteil an der Not eines anderen nehmen, sich anrühren lassen und nicht vorüber gehen, sondern sich eines notleidenden Menschen erbarmen. Eine Tugend, ganz sicher. Aber hier wird ihr noch mehr verheißen. „Vergelt´ s Gott!“, ist zum geflügelten Wort eines Menschen geworden, dem etwas geschenkt wurde. Für mich steckt darin ein Geheimnis des Glaubens, dass ich selbst immer wieder erlebte. Gerade wenn ich an den zweiten Teil des Monatsspruches denke: „…Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben.“ Mir fällt es wahrlich nicht immer leicht, zu geben und ich kenne die vielen Gedanken und Argumente, warum es gerade jetzt nicht passt. Aber ich habe auch erfahren, dass ich nie ärmer geworden bin und oft selbst nach dem Geben auf andere Weise beschenkt wurde.

In den Tagen des Erntedankfestes, wenn wir eingeladen sind, auf unsere „Lebensernte“ oder zumindest die Früchte unseres letzten Jahres zuschauen, wünsche ich Ihnen noch ganz andere Gründe, gebefreudig zu sein und Bedürftigen zu geben. Und 30 Jahre nach der friedlichen Revolution mag es – neben berechtigten, kritischen Betrachtungen - vieles geben, wofür dankbar sein können.

Ihr Pastor Andreas Fahnert